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Donnerstag, 7. Juni 2012

Wie unsere Eltern uns bloß groß gekriegt haben...

Neulich sprach mir - und wohl auch vielen anderen - eine Kabarettistin aus der Seele, die bei "Ladies Night" im WDR (Moderation: Gerburg Jahnke, eine Hälfte des Duos "Misfits") aufgetreten ist - denn sie hat sich auch gefragt, wie unsere Eltern uns eigentlich groß gekriegt haben, da ja heutzutage um alles Mögliche ein Geschiss gemacht wird: Fahrradhelme, Rauchen, Kindersitze im Pkw usw.

Auf Zigarettenschachteln findet sich u. a. heutzutage der Hinweis "Schützen Sie Ihre Kinder vor Tabak: Lassen Sie sie nicht den Rauch einatmen!" Komisch, früher gab es auch rauchende Eltern, da wurde in geschlossenen Pkw und Räumen gequalmt, und niemand hat sich drum gestört, aber heute schreien ja direkt die Sittenwächter laut auf - weil irgendwelche Politiker und/oder Promis sich plötzlich zu Aussagen berufen fühlen über Dinge, von denen sie eh nix verstehen. Da die Deutschen aber Herdentiere sind - sieht man daran, dass genug Deutsche unserem "großen Führer" ab 1933 ins Verderben gefolgt sind und den auch noch toll fanden - plappern einige Lobbyisten und Leute ohne ausreichendes eigenes Denkvermögen alles nach, was irgendwelche Leute ihnen vorplappern.

Früher sind wir als Kinder auch Fahrrad ohne Helme gefahren - und normalerweise ist da auch nie was passiert. Wenn jemand wirklich mal vom Fahrrad geplumpst ist, hat er sich eher das Knie als den Kopf aufgeschlagen und konnte sich auch meist gut genug abfangen, um Schlimmeres zu verhindern, aber heute wird ein Geschiss um mögliche Kopfverletzungen gemacht, dass es nicht mehr feierlich ist. Klar, da viele Kinder nur noch vor dem Fernseher und/oder PC verblöden, fehlt vielfach auch die Koordinationsfähigkeit, um sich bei nem Sturz angemessen abfangen zu können. Gleichzeitig erscheinen dann aber Klageartikeln in den Zeitungen, dass viele Kinder zu dick sind, bei Sportfesten nicht mehr so schnell rennen können und dass die Koordinationsfähigkeit fehlt - hm, das ist aber auch alles ne Frage von Erziehungsgestaltung und den Möglichkeiten, sich draußen frei bewegen zu können. Manche Super-Muttis, die zwar Aufkleber mit den Namen ihrer Blagen auf der Heckscheibe ihres Autos haben, aber sonst über wenig Rücksichtnahme und Denkvermögen verfügen, fahren ihre Blagen lieber mit nem großen SUV zur etwa 100 m entfernten Grundschule, weil ja ein Kinderschänder des Weges kommen könnte. Komisch, wir sind früher auch mit der Straßenbahn oder dem Bus zur weiterführenden Schule gefahren und da haben unsere Eltern sich auch nicht stets Sorgen gemacht, dass uns was passieren könnte. Wie ich schon mal in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben habe: Das ganze Leben ist ein Risiko, schon wenn ich aufstehe - und leider versterben auch genug Leute im Schlaf, haha.

Wir sind auch problemlos und unfallfrei ohne Kindersitze von unseren Eltern im Auto von A nach B transportiert worden, aber seit April 1993 gilt ja die Kindersitzpflicht. Bei soviel Risiko - mögliche Kinderschänder, Kopfverletzungen bei nem Sturz vom Fahrrad, Tabakrauch, Verletzungen im Auto - fragt man sich echt glatt, wie uns unsere Eltern unfallfrei groß gekriegt haben. Wir hatten auch damals keine Handys; wenn wir weiter weg gegangen sind, haben wir unseren Eltern eben über die Gegensprechanlage Bescheid gesagt, wo wir hingehen, falls doch mal irgendwas passiert wäre. Wir haben auf Industriebrachen und in wildem Gestrüpp gespielt - um mal die Schlucht und die Schlacke in E-Schönebeck als Beispiele zu nennen - und trotzdem sind wir alle unfallfrei groß geworden. Natürlich gab es mal kleinere Schrammen, aber keine ernsthaften Verletzungen - und die kleinen Kratzer haben wir auch problemlos ausgehalten, ohne dass unsere Eltern uns direkt mit strengen Ermahnungen versehen inklusive hysterischem Geheule drinnen in der Wohnung behalten haben. Auch Dinge wie Retalin und Geschrei, wenn jemand sitzen geblieben ist, waren uns völlig fremd - heute soll ja schon das Sitzenbleiben abgeschafft werden und manche Kinder werden mit Retalin gegen vermeintliches AD(H)S vollgestopft, damit die schon mit sich total überforderten Über-Eltern und Lehrer ihre Ruhe haben.

Wir hatten weder Internet noch bescheuerte Promi-Magazine noch Esoterik-Hotlines noch Sorgen wegen Über- oder Untergewicht, aber wir konnten wenigstens draußen mit anderen Kindern spielen, und das auch noch unfallfrei. Solche Zicken-Themen wie Gewicht und Äußerlichkeiten gab es bei uns auch kaum; es gab eben auch dickere Kinder oder Jugendliche, und das haben wir auch so akzeptiert, ohne da ein Geschiss zu machen oder auf ach so tolle, stets gleichförmig gestaltete Werbeanzeigen in Illustrierten zu verweisen (die eh nur gefakete Fotos und Stories enthalten). Dickere Klassenkameraden/-kameradinnen wurden ebenso akzeptiert wie normalgewichtige, nur heute empfinden es manche als völlig normal, übergewichtige Personen anzufeinden oder gar zu mobben, während Magersucht und Bulimie wohl schon fast als normal hingenommen werden (wobei beide Erkrankungen genauso fatale Folgen haben können wie jahrzehntelanges, massives Übergewicht). Bei der ganzen Hysterie und dem Geschiss um manche Dinge fragt man sich echt, wie die Kinder unfallfrei groß geworden sind, die zwischen 1946 und ca. 1980 geboren wurden.     

Sonntag, 20. November 2011

Die gestrige Bundesliga

Abgesehen davon, dass es sehr erfreulich war, dass sowohl Schalke als auch Dortmund gewonnen haben - Letztere auch noch gegen die Bayern, hähä - wurde der Spieltag von dem tragischen Selbstmordversuch eines Schiris überschattet, sodass die Partie Köln gegen Mainz nach Bekanntwerden kurzfristig abgesagt wurde. Alles andere wäre auch ziemlich pietätlos gewesen gegenüber dem Schiedsrichter und seiner Familie, da kann man nicht einfach zu "business as usual" übergehen. Selbst, wenn der DFB kurzfristig noch einen Ersatz-Schiri gefunden hätte, der die Partie hätte pfeifen können, wäre es trotzdem pietätlos gewesen.

Theo Zwanziger ging in der Pressekonferenz zum Selbstmordversuch auf den hohen Druck der Schiris und Spieler ein, dem sie vielfach ausgesetzt sind. Trotzdem werden trotz dieses Selbstmordversuchs und des Selbstmordes von Torhüter Robert Enke im vergangenen Jahr Krankheiten wie Depression und Burnout immer noch nicht ernst genug genommen, denn in den Augen vieler Ottonormalbürger sind Menschen, die ausgebrannt und/oder depressiv sind, einfach nur faul, nicht belastbar usw. Auch wenn ein Schiri und auch viele Spieler sehr gut verdienen, so ist ein geregeltes, gutes Einkommen jedoch kein Ausgleich für die innere Leere, Traurigkeit und Angst, die in den Köpfen von Menschen mit Depressionen oder Burnout rumgeistert. Warum der Eine Schicksalsschläge und Druck besser wegsteckt als der Andere, der schnell in die Burnout-Falle gerät bzw. der eine Veranlagung zu Depressionen hat, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt, denn da spielen Faktoren wie die Umwelt (Beruf, Familie, Freunde, evtl. Belastungen), genetische Disposition, Ansprüche an sich selbst und die eigene Leistung sowie auch die erzieherische Mitgift, Krisen zu meistern, eine wesentliche Rolle.

Allerdings gibt's auch eine Kehrseite der Medaille  - und damit meine ich jetzt nicht jene Betroffenen, die durch Mehrfachbelastungen aller Art oder andere Umstände an Depressionen bzw. Burnout leiden, denn mittlerweile ist Burnout schon fast ne Art Mode-Diagnose geworden und wird sicherlich nicht immer berechtigt gestellt. Ich bin weiß Gott kein Fan von Arbeitgebervertretern und den dazugehörigen Anwälten, aber manche Arbeitnehmre gehen, sobald sie berechtigte Kritik von ihrem Vorgesetzten bekommen, direkt zum Arzt, um sich ein Burnout attestieren zu lassen oder zumindest erst mal vorübergehend krank geschrieben zu werden - auch wenn die Rahmenumstände das überhaupt nicht rechtfertigen. Damit machen solche kritikresistenten Menschen, die nur mit Samthandschuhen angefasst und hofiert werden wollen und umgekehrt gegen Leute wettern, denen es wirklich dreckig geht, denjenigen, die wirklich ernsthaft erkrankt sind, auch noch alles kaputt bzw. dadurch manifestiert sich auch noch das blöde Vorurteil in den Köpfen vieler Menschen, dass Depressionen und Burnout nur ein Zeichen von Schwäche und mangelndem Leistungswillen sind - auch wenn das nicht stimmt.

Ähnlich ist es auch bei Kindern mit der Mode-Diagnose ADS bzw. ADHS. Sicherlich wird es einen gewissen Prozentsatz an Kindern geben, die tatsächlich an ADS leiden, aber da manche Pädagogen ja schon mit sich total überfordert sind und noch mehr mit ihren Schützlingen, werden auch gerne Kinder mit lebhaftem Temperament - wobei man da keinesfalls von krankhaft sprechen kann - in die ADS-Ecke gestellt, denn ein lebhaftes Kind, das auch schon mal (unbequeme) Fragen stellt, macht mehr Arbeit als eines, das den ganzen Tag die Backen hält und zu allem Ja und Amen sagt. Da kann es dann allerdings bei sehr ruhigen, schüchternen Kindern passieren, dass übereifrige Pädagogen da die nächste Sensation wittern wie Gewalt im Elternhaus, sexueller Missbrauch etc.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder Retalin und andere "Ruhigsteller" bekommen, obwohl das im konkreten Fall gar nicht notwendig wäre. Die Pharma-Industrie reibt sich angesichts solcher inflationär verwendeten Mode-Diagnosen jedenfalls die Hände, denn: süßer die Kassen nie klingeln! Komisch, als wir noch Kinder waren, gab es auch ruhigere und temperamentvollere, aggressivere und friedfertigere, gute Schüler und schlechtere etc., aber trotzdem ist da kein Lehrer auf die Idee gekommen, ein Kind mitsamt seinen Eltern zum Püschologen zu schicken, damit es bei aggressiverem, lebhaftem Verhalten mit Retalin ruhig gestellt wird. Wenn sich ein Kind daneben benommen hat, wurde entsprechend eingegriffen und dem Kind deutlich gesagt, dass sein Verhalten nicht richtig war - und dann war's gut. Auch da haben findige Psycholgen, Pädagogen und Pharmareferenten wieder ne große Marktlücke entdeckt, an der sie sich ne goldene Nase verdienen können, denn abgesehen davon, dass es natürlich Kinder gibt, die an ADS leiden, ist das aber nicht die Mehrzahl bei Kindern, die angebliche Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Die Rate der Diagnose ADS ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren erschreckend nach oben gestellt und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Kinder früher so viel anders waren als die Kinder heute.

Einen einzigen Unterschied gab's vielleicht: Früher wurde noch in gesundem Maße auf Disziplin und Sozialverhalten geachtet, heute sind ja selbst viele Pädagogen damit überfordert, sowohl eigenen als auch fremden Kindern den Unterschied zwischen richtig und falsch zu vermitteln bzw. auch mal Grenzen zu setzen. Wenn ich immer schon diese Super-Muttis im Supermarkt höre, wenn ihr Kind was tut, was es nicht soll, krieg ich schon die Krise. Anstatt dem Kind ruhig aber bestimmt klar zu machen, dass es nicht alles angrabbeln soll, was da in den Regalen steht, kommt dann entweder das pseudopädagogische Gesäusel "Sebastian, ich sagte dir bereits zum dritte Mal, dass du die Joghurt-Becher nicht anfassen sollst!" oder die Eltern reagieren gar nicht, wenn ihr Blag das Kühlregal mit seinen Patschhändchen ausräumt, sodass alles auf den Boden fliegt und die Angestellten des Supermarktes dann alles aufwischen müssen. Wenn sich dann noch eine Angestellte erdreistet, was zu sagen bzw. ihren Unmut kund zu tun, kommt gerne die stolze Antwort von solchen Eltern: "Mein Kind wird antiautoritär erzogen!" (Der Terminus stimmt schon alleine nicht, das nennt man dann laissez-faire.) oder "Mein Gott, es ist doch noch so ein kleines Kind, das weiß das noch nicht besser...!" Klar, wie sollen die Kinder erzogen sein, wenn's die Eltern schon nicht sind? Da frage ich mich immer, was solche Eltern dem Jugendrichter sagen, wenn ihr missratener Sprößling mit zwölf einen Schulkameraden umlegt, weil es den aus irgendeinem Grund nicht leiden konnte. "Herr Richter, mein Kind wusste das noch nicht besser, es ist doch noch so klein...!" (AUA!!)

Zum Thema "antiautoritäre Erziehung" bzw. "laissez-faire" fällt mir noch ne lustige Anekdote ein, die mir meine frühere Kollegin Monika aus Oberhausen mal erzählt hat. Sie stand in der Schlange an der Kasse, vor ihr u. a. ein netter älterer Herr und eine Mutter mit ihrem etwa vierjährigen Blag. Der Kleine haute dem älteren Mann immer den Einkaufswagen mit voller Absicht in die Hacken, sodass der irgendwann sagte: "Lass das bitte sein, das tut mir auch weh!" Das Ätz-Blag machte aber trotzdem weiter und alles, was der tollen Mutter dazu einfiel, war ein stolzes "Mein Kind wird antiautoritär erzogen!" - dass sich mittlerweile in der ganzen Schlange Unmut über sie und ihr blödes Blag breit machte, ignorierte sie wohlwollend bzw. ein fauler Zombie mit fehlender Erziehung spürt sowas ohnehin nicht. Dem jungen Mann, der hinter Monika in der Schlange stand, reichte es jedenfalls mit Zombie-Mutti und ihrem missratenen Ätz-Blag, das dem alten Mann immer noch den Einkaufswagen ständig in die Hacken rammte, obwohl der sich dagegen verwahrte. Er nahm seelenruhig ne 1,5 l-Flasche Coca-Cola aus seinem Einkaufswagen, entschuldigte sich schon mal im Vorfeld bei der Kassiererin, öffnete die Flasche und kippte den ganzen, klebrigen braunen Inhalt über der Mutter aus mit den Worten "Tschuldigung, ICH bin auch antiautoritär erzogen!" Danach war Ruhe im Karton und die Zombieline hat keinen Ton mehr gesagt, genau wie ihr blödes Blag, während die anderen in der Schlange beifällig kicherten. Er hat den Packerinnen im Supermarkt sogar geholfen, die klebrige Pfütze aufzuwischen, wobei die sogar grinsen mussten, weil sie dem jungen Mann wohl Recht gaben  - die bekloppte Mutter und ihr Blag hielten danach mal endlich die Backen, hehe.